Vom Pilot zur Flotte (3/10)
Warum Technik ab einer bestimmten Größe anders gedacht werden muss
Viele technische Systeme funktionieren überraschend gut, solange sie klein bleiben.
Ein Pilotprojekt mit zehn oder zwanzig Geräten lässt sich gut kontrollieren. Man kennt die Umgebung. Man kennt die Beteiligten. Probleme werden bemerkt, weil jemand darauf hinschaut.
In dieser Phase wirkt die Technik oft robuster, als sie in der Realität ist.
Der Übergang hin zur Flotte verändert all dies.
Nicht schlagartig, sondern schleichend.
Ein einzelner Ausfall fällt kaum ins Gewicht. Zehn Ausfälle verteilen sich. Hundert Ausfälle werden statistisch.
Was früher ein Ausnahmefall war, das ändert sich. Es wird zum Normalzustand.
Ab einer gewissen Größe funktionieren Annahmen nicht mehr:
- dass eine Reaktion zügig erfolgen kann
- dass alle Geräte identisch eingerichtet sind
- dass Fehler von Eindeutigkeit sind
- dass “man das schon sieht”.
Skalierung entzieht der Technik den Kontext, worin sie entstanden ist.
In Bezug auf kleine Systeme ist Wissen von lokaler Natur. In großen Systemen muss es sich innerhalb des Systems selbst befinden.
Nicht in Köpfen. Nicht in Dokumentationen. Niemand liest diese. Nicht in impliziten Abläufen.
Der entscheidende Unterschied von Pilot und Flotte ist eben nicht die Technik. Es ist Verantwortung.
Ein Pilot darf scheitern. Eine Flotte muss weiterlaufen.
Sie muss:
- Ausfälle erwarten
- Abweichungen tolerieren
- mit Unvollständigkeit umgehen
Nicht, weil sie vollkommen ist, sondern weil sie dafür konstruiert wurde.
Ab diesem Zeitpunkt wird Technik häufig weniger aufregend.
Mehr Überwachung, jedoch weniger Eingriffe. Stärkere Automatisierung, jedoch schwächere Kontrolle. Mehr Regeln als Sonderfälle.
Die Systeme, welche hier bestehen, sind selten elegant im Detail. Aber sie sind insgesamt gesehen stabil.
Vielleicht ist dies tatsächlich die eigentliche Reife.
Nicht dann, wenn etwas besonders clever wirkt, sondern falls es auch dann noch funktioniert, wenn niemand mehr genau weiß, warum denn.
Skalierung verändert nicht die Technik , sie verändert, inwiefern Technik leisten muss.