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Migration ist eine Vertrauensfrage

Migrationen scheitern selten an der Technik. Sie scheitern an den Menschen, die nicht gefragt wurden und deshalb blockieren, ohne je Nein zu sagen. Wer die alten Workarounds kennt, ist der eigentliche Migrationsplan. Dieser Beitrag beschreibt die soziale Schicht jeder Migration: Veto durch Domänenwissen, Schulungen als Symptom und die Frage, warum der eine Sachbearbeiter, der das immer macht, das System ist.

Migration ist eine Vertrauensfrage

Einleitung

Die Migration war technisch sauber.

Die Daten waren vollständig, die Abnahme unterschrieben.

Drei Monate später lief das alte System wieder.

Nicht offiziell.

Als Excel-Datei auf einem Netzlaufwerk, gepflegt von zwei Leuten, die niemand gefragt hatte.


Was eine Migration verspricht

Eine Migration verspricht, dass die Arbeit weitergeht.

Dass die Daten umziehen, ist der leichte Teil.

Der schwere Teil ist, dass die Menschen, die mit den Daten arbeiten, am nächsten Morgen weiterarbeiten können.

Den ersten Teil kann man messen: Zeilen gezählt, Prüfsummen verglichen, Abweichung null.

Den zweiten Teil erlebt man.

Und zwar meist Leute, die im Projektplan nicht vorkamen.


Der Umzug, bei dem jemand fehlt

Ich stelle mir eine Migration gern als Umzug vor. Als Wohnungswechsel, nicht als Datentransport.

Wer beim Umzug nicht mitgenommen wird, bleibt in der alten Wohnung.

Er beschwert sich nicht. Er richtet sich ein.

Und irgendwann laufen die wichtigen Entscheidungen wieder durch die alte Küche.

So entstehen Schattensysteme. Aus Notwendigkeit, nicht aus Widerstand.


Wer die Workarounds kennt, ist der Plan

In jedem gewachsenen System gibt es Umwege.

Das Feld, das leer bleiben muss, damit der Export durchläuft.

Die Buchung, die man erst am Folgetag storniert, weil sonst die Zinsen falsch berechnet werden.

Der Kunde, der offiziell zwei Nummern hat und tatsächlich einer ist.

Nichts davon steht in der Dokumentation. Alles davon steht in Köpfen.

Wer diese Köpfe nicht befragt, migriert die Datenbank und lässt die Geschäftslogik zurück.

Der Migrationsplan ist nicht das Dokument im Projektordner. Der Migrationsplan sind die Leute, die wissen, warum das alte System so aussieht, wie es aussieht.


Veto ohne Unterschrift

Formal entscheidet ein Lenkungsausschuss.

Tatsächlich entscheidet die Sachbearbeiterin, die nach der Umstellung drei Wochen lang jeden Fall doppelt prüft.

Oder der Kollege, der sicherheitshalber weiter die alte Liste führt.

Oder die Abteilung, die ihre Zahlen weiter aus dem Altsystem meldet, weil sie dem neuen nicht traut.

Keiner von ihnen hat Nein gesagt. Keiner musste.

Domänenwissen hat Veto-Macht, auch ohne Unterschrift. Dieses Veto wird nicht im Meeting eingelegt, sondern im Alltag.


Schulungen sind ein Symptom

Wenn ein Projekt kurz vor dem Go-live vor allem über Schulungen redet, ist meist schon etwas schiefgegangen.

Schulung heißt: Wir haben etwas gebaut, jetzt erklären wir euch, wie ihr damit leben sollt.

Beteiligung hätte geheißen: Wir bauen etwas, sagt uns, wie ihr arbeitet.

Der Unterschied liegt nicht in der Anzahl der Termine, sondern in der Reihenfolge.

Wer erst nach der Entscheidung fragt, bekommt Antworten. Vertrauen bekommt er nicht.


Der eine, der das immer macht

In fast jeder Organisation gibt es diese eine Person.

Sie kennt die Kunden mit Sonderregeln und die Reihenfolge, in der man den Monatsabschluss fährt.

Im Organigramm ist sie eine Stelle. Im Betrieb ist sie das System.

Migrationsprojekte behandeln solche Menschen gern als Risiko, als Flaschenhals, den man auflösen muss.

Das ist die falsche Richtung.

Diese Person ist keine Abhängigkeit, die man wegmigriert. Sie ist die einzige vollständige Spezifikation, die es gibt.


Wenn es gelingt und trotzdem etwas verloren geht

Manche Migrationen gelingen.

Das neue System läuft, die Kennzahlen stimmen, das Projekt wird gefeiert.

Ein halbes Jahr später ist die Frau aus dem vorigen Abschnitt weg. Nicht gekündigt, nur innerlich.

Sie beantwortet Fragen, aber sie stellt keine mehr. Sie meldet Fehler, aber sie erklärt sie nicht.

Das Wissen, das die Organisation zwanzig Jahre getragen hat, geht nicht mit einem Knall verloren.

Es geht leise.


Zentrale Beobachtung

Vertrauen ist keine weiche Größe am Rand einer Migration. Es entscheidet, ob Wissen überhaupt fließt.

Wer nicht gefragt wird, erzählt nichts.

Wer nichts erzählt, nimmt seine Workarounds mit in den Ruhestand.

Was er mitnimmt, fehlt im neuen System nicht am ersten Tag, sondern beim ersten Sonderfall.


Abschlussgedanke

Ich habe keine Migration gesehen, die an einer fehlenden Schnittstelle gescheitert wäre. Schnittstellen kann man bauen.

Ich habe einige gesehen, die an einem Satz gescheitert sind: „Uns hat ja keiner gefragt.”

Wer den Satz vermeiden will, fängt nicht beim Datenmodell an, sondern bei der Frage, wer heute weiß, wie die Arbeit wirklich läuft.

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