SAP und die Schwerkraft der Geschäftslogik (4/8)
Eine alte SAP-Installation ist keine Software mehr, sondern eine eingefrorene Darstellung dessen, wie ein Unternehmen seine eigene Arbeit versteht. Der wahre Vendor-Lock-in ist nicht technisch, sondern organisatorisch — jede Ablösung öffnet Entscheidungen, die seit fünfzehn Jahren geschlossen waren. Ehrliche Zeitrahmen liegen bei fünf bis sieben Jahren; wer kürzer verspricht, verkauft.
Einleitung
Wenn ich mit Leuten redete, die in einem SAP-Ablöseprojekt steckten,
merkte ich meistens schon nach wenigen Minuten, ob das Projekt ankommen würde oder nicht.
Der Hinweis war nie technisch.
Er war sprachlich.
- Wer von „System” und „Modulen” redete — hatte es schwer.
- Wer von „Prozessen” und „Entscheidungen” redete — hatte eine Chance.
Software als eingefrorene Organisation
Eine SAP-Installation, die seit zehn oder zwanzig Jahren produktiv läuft,
ist nicht einfach Software.
Sie ist eine eingefrorene Darstellung dessen,
wie ein Unternehmen seine eigene Arbeit versteht.
In der Praxis heißt das:
- Tausende von Customizing-Einstellungen
- Hunderte von Z-Programmen
- Dutzende von User Exits
Jede dieser Spuren ist entstanden, weil irgendwann jemand eine Entscheidung getroffen hat.
Viele Gründe sind längst vergessen.
Manche widersprechen inzwischen anderen, ohne dass jemand es merkt.
Der eigentliche Lock-in
Der Vendor-Lock-in von SAP, über den alle reden, ist nicht der eigentliche Lock-in.
Der eigentliche Lock-in ist,
dass das Unternehmen seine eigene Geschäftslogik nur noch im Spiegel dieser Installation sehen kann.
Wer SAP ersetzen will, muss die Geschäftslogik neu artikulieren.
Und dabei öffnet man Entscheidungen, die seit fünfzehn Jahren geschlossen waren.
Wo Projekte anhalten
Das ist der Punkt, an dem die meisten Ablöseprojekte anhalten,
obwohl sie technisch weiterlaufen.
Ich habe Projekte erlebt, in denen das Architekturteam stolz verkündete,
man habe das alte SAP zu 80 Prozent in ein neues System überführt.
In derselben Woche kam die Finanzabteilung.
Sie konnte den Monatsabschluss nicht mehr machen.
Nicht, weil die neue Technik es nicht konnte.
Weil niemand aufgeschrieben hatte, welche Regeln in welcher Reihenfolge wirken.
Und warum der 31. März anders behandelt wurde als jeder andere Monatsletzte.
Das ist kein Softwareproblem.
Das ist Wissensarchäologie.
Der ehrliche Zeitrahmen
Für eine SAP-Ablösung: fünf bis sieben Jahre, je nach Unternehmensgröße.
Wer kürzer verspricht, verkauft.
„Ablösung” ist in diesem Zeitrahmen oft zu viel gesagt.
Realistisch ist Reduzierung:
- Das alte System bleibt für die zähen Prozesse.
- Das neue übernimmt die gut dokumentierten.
Das ist keine Niederlage.
Das ist Ehrlichkeit.
Was SAP eigentlich tut
SAP ist so schwer zu ersetzen, weil es einen Job macht,
den keine IT-Abteilung alleine machen kann.
Es zwingt Unternehmen, ihre eigenen Prozesse niederzuschreiben,
wenn auch in einer esoterischen Sprache.
Nimmt man SAP weg, muss etwas anderes denselben Job machen.
Meistens ist das nicht der Fall.
Das gilt über SAP hinaus
Jedes System, das tief genug in eine Organisation eingewachsen ist, hat diese Eigenschaft:
- CRM-Installationen, die zeigen, wie ein Vertrieb denkt
- Alte Inhouse-Lösungen, die das Vokabular einer Abteilung spiegeln
- Workflow-Tools, die mehr über die Machtverhältnisse im Haus verraten als das Organigramm
Solche Systeme zu ersetzen heißt:
die Organisation neu zu verhandeln.
Zentrale Beobachtung
Die Technik ist selten das Problem.
Das Problem ist, dass die Organisation ihre eigenen Entscheidungen nicht noch einmal treffen will —
erst recht nicht in einem Tempo, das einer Projektlaufzeit entspricht.
Abschlussgedanke
Die Ablösung ist möglich.
Aber sie beginnt nicht mit einem Lastenheft.
Sie beginnt mit einem ehrlichen Gespräch darüber,
was das Unternehmen eigentlich tut,
wenn man die Software wegdenkt.