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Warum COBOL 2026 immer noch läuft (2/8)

COBOL läuft in Banken und Versicherungen nicht aus Nostalgie, sondern aus nüchterner Kalkulation: deterministisches Verhalten, keine Dependency-Drift, belegbare Stabilität. Ablöseprojekte scheitern selten an der Sprache, sondern an jahrzehntealten, undokumentierten Geschäftsregeln, die erst beim Umzug sichtbar werden. Die Alternative zu Legacy ist nicht Modernität, sondern Risiko.

Warum COBOL 2026 immer noch läuft (2/8)

Einleitung

Die Zahl variiert in jedem Artikel.

Mal sind es 40 Prozent der Banken-Backends.

Mal 70 Prozent der weltweiten Finanztransaktionen.

Mal eine Billion Zeilen Code auf der Welt.

Die Zahlen haben gemeinsam, dass sie schwer überprüfbar sind.

Sie haben auch gemeinsam, dass sie nicht sinken.

COBOL wird seit mindestens zwanzig Jahren totgesagt.

Es verschwindet nicht.


Keine Nostalgie, sondern Kalkulation

Die einfache Erklärung lautet: Nostalgie oder Trägheit.

Ich halte sie für falsch.

Banken, Versicherungen und Sozialsysteme betreiben COBOL aus Kalkulation.

Und diese Kalkulation fällt anders aus, als Außenstehende vermuten.


Das Gegenteil eines modernen Web-Stacks

Ein typisches COBOL-System hat:

  • keine fünf Millionen transitiven Abhängigkeiten
  • keine NPM-Pakete, die plötzlich zurückgezogen werden
  • keine wöchentlichen CVE-Patches
  • eine ausgeschriebene, deterministische Geschäftslogik

Ein Batch-Job, der seit dreißig Jahren jede Nacht läuft,

ist ein Stück Infrastruktur mit nachweisbarem Verhalten.

Was neu ist, ist nicht immer stabiler.

Oft ist es das Gegenteil.


Woran Ablösungen wirklich scheitern

Nicht an der Programmiersprache.

An den Annahmen, die über Jahrzehnte in die Programme eingeschrieben wurden:

  • die Reihenfolge, in der Konten ausgeglichen werden
  • die Art, wie Zinsen auf den letzten Cent gerundet werden
  • die Randfälle von 1987, die ein Prüfer irgendwann verlangt hat

Jede dieser Regeln kostet bei einer Ablösung Zeit.

Nicht, um sie zu programmieren.

Sondern um herauszufinden, dass es sie gibt.


Zwei Beispiele aus der Praxis

Commonwealth Bank of Australia hat die Ablösung durchgezogen.

Über Jahre, mit einem Budget, das die meisten CFOs verstummen lässt.

Es ging. Aber nur mit einem Aufwand, der sich nur in wenigen Fällen rechtfertigen lässt.

TSB in Großbritannien hat es 2018 ebenfalls versucht.

Und dabei ihr Online-Banking wochenlang aus der Luft geholt.

Das war keine Anekdote.

Das war eine parlamentarische Anhörung.


Der Fachkräftemangel — ehrlich betrachtet

Es gibt ein ehrliches Argument gegen COBOL.

Der Arbeitsmarkt.

Die Entwickler:innen, die diese Systeme kennen,

gehen in den nächsten zehn Jahren in Ruhestand.

Aber es ist kein Problem mit COBOL.

Es ist ein Problem mit uns.

Wir haben aufgehört, die Sprache zu unterrichten, weil wir glaubten, sie sei tot.

Dann stellten wir fest, dass sie es nicht ist.

Der Fachkräftemangel ist real.

Aber auch selbstgemacht.

Und er lässt sich billiger beheben als eine globale Migration.


Zentrale Beobachtung

Die Alternative zu Legacy ist nicht Modernität.

Sie ist Risiko.

Neuheit kostet Risiko.

Risiko, das wir fast nie vollständig bepreisen,

weil die Folie mit dem neuen Stack immer schöner aussieht als das Terminal mit dem alten.


Abschlussgedanke

Das hier ist keine Einladung, mehr COBOL zu schreiben.

Das ist niemandem zu empfehlen.

Es ist eine Einladung, die Rechnung ehrlich aufzumachen.

Und eine Erinnerung daran, dass manche Systeme nicht laufen, weil sie nicht abgeschaltet werden können.

Sie laufen, weil sie funktionieren.

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